
Zugegeben: Voyeurismus war auch mit im Spiel, als wir uns auf den Weg machten, um Barack Obama leibhaftig zu sehen. Wann hat man schon die Gelegenheit, den seit langer Zeit weltweit ersten Universalhoffnungsträger zu treffen? Einen, der freundlich lächeln kann wie der Dalai Lama, dabei jugendlich wirkt, skandalfrei Politik betreibt, persönlich erreichbar erscheint und einen berechtigten Optimismus ausstrahlt? Eine Gelassenheit und Professionalität, die man sich in der Berliner Republik nur wünschen kann? Obama stellt für Millionen Menschen ein Rundum-Glücklich-Paket dar, das man zumindest einmal ausprobiert haben sollte. Ich war bereit und reiste mit einer Gruppe der Göttinger „Democrats Abroad“ in die Hauptstadt.
So ganz überzeugt war ich von Obama noch nicht. Ich bin dafür, dass Parteivorsitzende und -Vorstände den Kandidaten vorschlagen, also an wessen Biographie und Arbeit sich die Partei messen lassen muss. Im Vorwahlkampf der Demokraten trat der Parteivorsitzende selbst gegen Obama an – ein Widerspruch. Ich bin dafür, dass Fragen der Rasse und des Geschlechts keine Rolle spielen. Bei Obama gegen Clinton war genau das ein zentrales Thema, zumindest in den Medien. Ich bin ferner dafür, dass sich KandidatInnen derselben Partei nicht untereinander schlecht reden. Auch das war bei den US-Demokraten nicht denkbar.
In den USA läuft das schon lange anders und die Demokratie funktioniert trotzdem, solange die Registrierung der Wahlberechtigten klappt und die Wahlmaschinen sich weder verzählen noch manipuliert sind. Egal, darum sollte es an der Berliner Siegessäule nicht gehen. Hoffnungsträger wie Obama sollten die Vergangenheit nicht vergessen, aber vor allem unverbraucht und möglichst konkret nach vorne schauen. Ich war gespannt, was Obama zur Situation zwischen Deutschland und den USA in Sachen Afghanistan und Irak sagen würde. Ich wollte wissen, wie er sich die Verbesserung des Images der USA in Europa vorstellt. Ich wollte seine Stimme hören und in seine Augen schauen, Leute kennen lernen, die für ihn kämpfen. Außerdem wollte ich mit vielen Anderen seine Weltreise zu einem Erfolg zu Hause in den USA machen.
Logistisch war die Veranstaltung eine Meisterleistung – auch von unserer Gruppe. Uns trennten keine 30 Meter von Obamas Rednerpult. Fantypisches Verhalten wie Fotos, Anfassen und Autogramme wäre möglich gewesen. Ein paar Sekunden Gemeinsamkeit mit Barack sind also einfacher als man denkt. Die Atmosphäre war offenbar auch weiter hinten unter den 215.000 ZuschauerInnen gut.
Der wichtigere Teil – Obamas Auftritt – kam mir hingegen anders vor. Von seiner Rede war ich eher enttäuscht als beeindruckt. Sie war zu kurz und weitgehend oberflächlich, vielleicht „zu visionär“. Die Rede war gerichtet an seine WählerInnen, die sehen sollten, dass er auch international eine gute Figur macht. Wie sonst soll man werten, dass er dem weitgehend deutschen Publikum die Berliner Luftbrücke und den Marshallplan erklärte sowie seinen Stolz auf Nation und Streitkräfte betonte, mit dem die meisten deutschen Anhänger Probleme haben? Keine Frage: er darf das zur Erhöhung seiner Wahlchancen sagen. Aber so explizit in seinen wenigen Minuten Redezeit in Berlin? Wahrscheinlich ja. Trotzdem: die meisten fühlten sich ein wenig wie Statisten, sie wurden angeschaut, aber nur selten angesprochen. Es kam nur ordentlich Applaus auf, als der Kandidat von Problemen der USA mit der Beachtung von Menschenrechten und des Klimaschutzes sprach. Da hat das Publikum sofort reagiert, und das wird auch angekommen sein. Der herzliche, aber nicht euphorische Schlussapplaus war wieder schön und rundete den Auftritt ab.
Kurzum: Aus der Sicht eines Fans der europäischen Ausgestaltung von Demokratie war es eine faszinierende Massenveranstaltung mit Schwächen. Obama ist ein sehr guter Kandidat und wird das auch bleiben. Zudem hat er vor kurzem einen ausgewiesenen Außenpolitiker für die Vizepräsidentschaft gewonnen, so dass ich positiv in die Zukunft der Beziehungen zwischen dem „Alten Europa“ und den USA schaue. Es können nur US-Amerikaner den Hoffnungsträger der Massen wählen – hoffentlich wird davon im November genügend Gebrauch gemacht. (mb)
