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Konjunkturkrise in Göttingen


Auf alle Einkommensgruppen kommt eine schwere Prüfung des Durchhaltevermögens zu: Die internationale Wirtschaftskrise im Nachklapp der US-amerikanischen Finanzmarkt- und Immobilienkrise rückt näher. Nur wenige Fachleute haben rechtzeitig darauf aufmerksam gemacht und sind dann sofort von den PR-Abteilungen vieler Banken und Anlagefonds übertönt worden. Zu den Übertönten gehört Prof. Rudolf Hickel, der Anfang 2007 zusammen mit der Bremer Shakespeare-Company eine auf die aktuelle Situation umgeschriebene Fassung des Theaterstücks „Der Kaufmann von Venedig“ ablieferte. Wäre es nicht auf der Bühne gewesen, hätten wahrscheinlich noch weniger Menschen vom aufziehenden Gewitter Kenntnis genommen.

 

Aber was kann man in Göttingen von der globalen Krise konkret spüren? „Einiges!“, so der DGB-Regionsvorsitzende Lothar Hanisch und verweist auf 1000 MitarbeiterInnen bei Sartorius, die seit Januar im Mechatronik-Bereich und in der Verwaltung Kurzarbeit verrichten. Peguform- und Mahr-Beschäftigte sind auch dabei - zudem werden geplante Investitionen in vielen Betrieben verschoben. „Ich wünsche mir, dass die Göttinger Firmen diese Phase für Mitarbeiterqualifizierungen nutzen. Die werden 18 Monate staatlich gefördert und können dafür sorgen, dass wir besser sind, wenn die Konjunktur wieder anspringt. Vielleicht geht es ja 2010 wieder aufwärts!“ Hanisch sieht die Politik allerdings nicht als Herrin des Verfahrens und ist darüber alles andere als glücklich: „Man hätte vor Jahren zumindest in der Euro-Zone einen Schutz vor Finanzspekulationen einführen müssen. Nichts ist passiert. Jetzt schanzt der Staat den Banken viele Milliarden zu. Dass die ihre Probleme systematisch verschwiegen haben und nur tröpfchenweise einräumen, wird nicht ausreichend mitbedacht.“

 

Ein weiterer Blick in die Realwirtschaft: Die Spitze der Krise in der Automobil- und -Zulieferindustrie wird durch die Abwrackprämie um ein Jahr verschoben. Wer sich jetzt ein Auto kauft, tut es nächstes Jahr nicht. Das trifft auch viele Firmen in Göttingen. Neutral bewertet der Göttinger Fotograf und Fachjournalist Christian Mühlhausen (www.landpixel.de) die Situation in der Landwirtschaft. Er verweist darauf, dass die Landwirte in ihren eigenen Betrieb investieren und reale Werte schaffen. „Gut, die Banken prüfen auch bei Bauern aufwändiger, bevor sie Kredite vergeben, aber andere Faktoren sind wichtiger für die Absatzfähigkeit und den Endpreis der Produkte. In der Landwirtschaft gilt, wie schon in früheren wirtschaftlichen Notlagen: Krise als Chance!“ Das merkt Mühlhausen auch bei seinen Kunden, den Verlagen von landwirtschaftlicher Fachliteratur: „Bilder von Anzugträgern im Gespräch mit Landwirten verkaufen sich besser denn je!“

 

Das medienkombinat, Göttinger Werbeagentur und zuverlässiger Kampagnenpartner der SPD, bedauert als Dienstleister eine geläufige Reaktion der Firmen auf die Wirtschaftskrise: „Die Marketingetats werden reduziert. Dabei gilt: Wer nicht wirbt, stirbt!“, so die medienkombinat-Geschäftsführer Gregor Motzer und Lars Gargulla. Das Motto der Werbebranche, so eingängig und richtig, bedeutet: Marktanteile können vor allem durch Aufmerksamkeit gesichert werden.

 

Der Göttinger Einzelhandel spürt ebenfalls, dass das Geld nicht mehr so locker sitzt, allerdings bei den VerbraucherInnen. Heide Brückner, Inhaberin der Boutique „Die Mode am Wilhelmsplatz“: „Ich hätte es nicht geglaubt, aber die Konjunkturkrise ist da. Je schlimmer die Zeiten, desto kürzer die Röcke. Jetzt wird viel mehr auf den Preis geachtet, die Qualität der Ware ist uns Einzelhändlern aber natürlich weiterhin wichtig!“ Sagt sie und wendet sich einer Kundin zu, die soeben den Laden betritt.

 

Das Junge Theater streicht jetzt aus aktuellem Anlass ein geplantes Stück aus dem Spielplan und führt ab dem 07.03.2009 „Die Stunde Amerikas“ auf - eine Überarbeitung von Arthur Millers Wirtschaftskrisen-Klassiker „Die Große Depression“ Auf die Parallelen zwischen 1929 und 2009 können wir gespannt sein. (mb)



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